Schreiben

Schreiben ist einfach, oder? Wir haben es schließlich alle in der Schule gelernt. Was soll also schon dran sein? Doch bei näherer Betrachtung ist die Sache komplexer als man meint. Hier ein paar gut gemeinte Zitate, die aber auch kaum weiterhelfen. 

"Es gibt drei goldene Regeln, um eine Novelle zu schreiben, - leider sind sie unbekannt."
(Somerset Maugham)

"Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen."
(Mark Twain)

"Für mich ist auch die Literatur eine Form der Freude. Wenn wir etwas mit Mühe lesen, so ist der Autor gescheitert."
(Jorge Luis Borges)

"Die alten Wörter sind die besten und die kurzen die allerbesten."
(Winston Churchill)


Mit Herzblut geschrieben

Man hört des Öfteren, ein Roman sei mit viel Herzblut geschrieben. Gern benutzt, um dem Buch eine gewisse Aura zu verleihen, als herausragendes Gütezeichen sozusagen. Vermutlich ist gemeint, dass dem Autor das Thema oder die Geschichte besonders am Herzen lag, dass er beim Schreiben emotional engagiert war, dass er alles gegeben hat. Vielleicht stellt man sich sogar vor, dass er nächtelang mit seinem Text gerungen hat, bis ihn endlich die Muse küsste. Oder so ähnlich.
Aber mal ehrlich. Ist das nicht die ganz normal Autorenarbeit? Welche Bücher sind denn ohne Herzblut geschrieben, um den Ausdruck zu benutzen? Ich meine, wenn einer eine Menge Zeit seines Lebens damit verbringt, fünfhundert oder mehr Seiten Roman zu schreiben, dann kann man doch in jedem Fall von einem gewissen Engagement ausgehen. Wie sonst könnte ein Autor ein lesbares Resultat abliefern, wenn er seine Arbeit nicht ernst nehmen würde, wenn er nicht bemüht wäre, Qualität zu liefern. Ohne diese Motivation feilt man nicht zum 15-ten Mal an seinem Text herum. Das ist der ganz normale Schreiber-Alltag.
Aber dann gäbe es sehr erfolgreiche Romane, so hört man mit Erstaunen, die ganz locker vom Hocker geschrieben wurden. So mühelos aus der Feder, wie es eben fließt, ganz ohne Verkrampfung und in kurzer Zeit. Ohne viel Herzblut also. Und doch vom Leser sehr geschätzt.
Was ist denn nun richtig, mit oder ohne … Herzblut? Die Wahrheit liegt vermutlich wie so oft in der Mitte. So locker vom Hocker schreibt wohl niemand, auch wenn es sich so liest, denn natürlich braucht ein Autor Engagement für seinen Stoff, überhaupt für seine Arbeit.
Aber eine gewisse Distanz sollte man schon wahren, meine ich, genug jedenfalls, um sich den objektiven Blick zu erhalten. Denn wenn man sich zu sehr mit dem Thema verstrickt, könnte es rüberkommen, als befände man sich auf einem Kreuzzug. Ist man einer Figur übermäßig verbunden, läuft man Gefahr, zu viel von sich selbst einzubringen, was oft schwierig ist. Und klebt man zu sehr am Text, will jeden Satz besonders schön und poetisch gestalten, kann es leicht verkrampft wirken. Oder man erfindet Metaphern, die nicht wirklich passen, nur weil man meint, andauernd kreative Metaphern bringen zu müssen.
Ähnlich, wenn ein Autor sich besonders eindringlich abmüht, die Gefühle seines Protas zu vermitteln, und dann zwei lange Seiten schreibt, wo fünf Zeilen genügt hätten. Da hat ihn sein Herzblut in die Irre geführt. Etwas weniger Emotion und mehr nüchterner Abstand wären besser gewesen. Ich glaube, zum guten Schreiben gehört eine gewisse kühle Objektivität. Figuren, ihre Gefühle und Beweggründe werden am besten getroffen, wenn man sie objektiv seziert, auf ihr Wesentliches reduziert. Oder nur andeutet, ohne auszuwalzen.
Die Sprache soll gut klingen, sie darf aber der Sinnübermittlung zum Leser hin nicht im Wege stehen. Es geht nicht darum, wie schön man schreibt, sondern wie effektvoll dies auf der anderen Seite ankommt, ob es gelingt, die Spannung, die gewünschten Bilder und Gefühle beim Leser zu erzeugen. Eine etwas schlichtere, zurückgenommene Sprache ist oft überzeugender und wirkungsvoller.
Die Idee des nächtlich mit sich ringenden Autors, womöglich noch im Alkoholrausch, ist leider falsch. Ein guter Autor ist meist ein disziplinierter Handwerker. Denn, Herzblut hin oder her, ist man selbst emotional zu sehr gefangen, läuft man Gefahr, dem Leser auf die Nerven zu gehen. Dann riecht das Werk allzu stark nach dem Schweiß seines Schöpfers.


Die Tücken mit dem Ich-Erzähler

Zu meinem Erstaunen habe ich vor einiger Zeit mitbekommen, dass angeblich manche Leser mit dem Erzählen aus der Ich-Perspektive ihre Probleme haben sollen. Es heißt, dass die einseitige Sicht einer Person langweilig werden könne, dass manche Ich-Erzähler zu viel Inneres vermitteln, über ihre Gefühle labern, und so weiter. Das hat mich verwundert, da ich beim „Bastard von Tolosa“ viel Vergnügen hatte, in die Rolle des Jaufré Montalban zu schlüpfen.

Natürlich gibt es Beschränkungen. Man kann eine Geschichte in dieser Form nur so erzählen, wie es der Protagonist auch selbst erlebt. Perspektivwechsel oder Parallelstränge sind also fast ausgeschlossen. Was der Erzähler nicht miterlebt, ist nur schwer darstellbar. Der Wechsel von einem Strang zum anderen, gerade wenn es spannend wird, ist ja oft ein Mittel, den Leser anzuheizen. Als Ich-Erzähler muss man sich da etwas anderes ausdenken.

Aber, aber … dafür gibt diese Erzählform dem Autor wunderbare Möglichkeiten, sich seinem Leser zu nähern, ihn in den Kopf des Protagonisten schlüpfen zu lassen. Der Autor selbst wird zum Schauspieler, er denkt und redet wie seine Figur. Ich hatte von Anfang an den Ehrgeiz, meinen Protagonisten, den provenzalischen Haudegen Jaufré Montalban, als Mann des frühen 12. Jahrhunderts dem Leser hautnah erleben zu lassen, ihn reden und seine Geschichte erzählen, ihn auch mal dummes Zeug sagen zu lassen. Und eine andere, differenzierte Sicht der Dinge wird über Dialoge vermittelt, besonders durch die Bemerkungen seines Freundes Hamid, der ihm ab und zu ein paar Wahrheiten sagt. Und da Jaufré ein Mann der Tat ist, hält er sich meist auch an Fakten und Geschehnisse, von denen jede Menge passieren.

Deshalb bin ich froh, dass alle Leser des Buchs, von denen ich weiß, in diesem Fall die Ich-Erzählform sehr geschätzt haben. Viele sagen, sie könnten sich gar nicht vorstellen, die Geschichte anders zu erzählen. Und vor allem, das, was Jaufré erlebt, wirke dadurch besonders plastisch und realistisch. Na wunderbar. So sehe ich es auch.

Bei meinem zweiten Buch, jedoch, habe ich es aber mal anders probiert.