Orte und Reisen
Auf Recherche für den "Bastard" in Südfrankreich
Die Gegend in Südfrankreich, die im Roman beschrieben wird, gibt es natürlich wirklich. Die Corbières ist eine bergige Region und bildet in etwa ein Viereck zwischen Carcassonne, Narbonne, Perpignan und dem kleinen Städtchen Quillan. Die östliche Corbières hat viel Wein, weiter westlich werden die Dörfer immer ärmer und die Landschaft immer wilder und schöner. Die Leute aus der Gegend sind immer noch stolz auf ihre Katharervergangenheit. Überall stehen Schilder: "Le pays des cathares", und alle paar Kilometer stößt man auf Burgruinen aus der Zeit.
Der Ort des Geschehens im Roman befindet sich etwa dort, wo ich den Kringel auf der Karte markiert habe.

Das kleine Dorf, das ich mir ausgesucht habe, heißt in Wirklichkeit Camps sur l'Agly, nach dem Flüsschen, das hier auf dem Bild versteckt hinter dem Dorfhügel vorbeifließt. Dies ist also mein "Rocafort". Hinter dem Dorf erhebt sich der Burgfelsen. Die Burg ist leider völlig zerstört. Vermutlich war es eine kleine Wachtburg, Teil einer ganzen Kette von Burgen, die gegen Katalonien absichern sollte, das damals bis andie Corbières reichte.

Im Dorf selbst gibt eine winzige Herberge, "La Maison du Chevalier", die von einem netten Paar geführt wird. Es gibt nur ein Zimmer zu vermieten, dafür isst man gut und es geht recht lustig zu, besonders nach ein paar Glässchen Wein. Der Wirt schwört, es gibt sogar einen geheimen Fluchtweg von der ehemaligen Burg. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und wurde gebührend im Roman verwertet.

Hier diese wunderbare Landschaft der Corbières, gesehen von der Spitze des Bugarach, dem höchsten Berg der Gegend. Dies ist der Blick hinunter in "Jaufrés Tal". In der Ferne die Burg Peyrepertuse, die im nächsten Bild zu sehen ist.

Die meisten der Burgen wurden in den späteren Katharerkriegen erobert und zerstört. Hier handelt sich hier um Peyrepertuse, die Nachbarburg zu meinem Rocafort. Sie kommt im Roman vor, spielt aber nur eine Nebenrolle. Wenn man da oben steht, glaubt man sich im Flugzeug, so hoch ist der Felsen und so steil stürzt er zu beiden Seiten ab.

Blick von der Spitze des Bugarach hinunter ins Tal. Bei klarem Wetter kann man bis zum Meer schauen und im Süden sieht man die Kette der Pyrenäen.

Den Bugarach haben meine Frau und ich erstiegen. Hier unterhält sie sich mit einem französischen Paar, dem wir beim Aufstieg begegnet sind.

Nur einige Kilometer von Camps sur l'Agly entfernt liegt das Dorf Cubières, das in meinem Roman unter dem Namen Cubaria vorkommt. Das war der alte lateinische Name für ein Kloster, das es hier gegeben hat. Es wurde später aufgelöst und übrig geblieben ist nur die Klosterkirche, die man hier sieht.

Nicht weit befindet sich auch die Mühle. Es gibt sie heute noch und sie ist immer noch funktionsfähig. Leider habe ich kein Bild von ihr gemacht. Unten sieht man das Flüsschen Agly direkt neben der Mühle. Dort ist heute ein kleines Café mit dieser winzigen Terasse unter den Bäumen. Es ist sehr still hier. Man kann sich vorstellen, wie Jaufré, Füße im Wasser baumelnd, mit Ramon geredet hat.

Das Kloster Serrabona ("Die Comtessa")
Im kleinen Kloster Serrabona, hoch in den östlichen Ausläufern der Pyrenäen, sucht Ermengarda mit ihren Gefährten Zuflucht.
Ein einsamer Ort, mitten in der Wildnis, und doch finden sie hier Hilfe und menschliche Wärme.
So beschrieben im Roman:
"Die Priorei Serrabona, vor etwa siebzig Jahren unter der Regel des Heiligen Augustinus von Hippo gegründet, lag auf halber Hanghöhe in einem Tal von wilder Schönheit, schwer zugänglich und weit abseits jeder menschlichen Behausung.
Von solchen Neugründungen gab es einige im Land. Es war das Verlangen, durch Demut, harte Arbeit, aber vor allem durch das Leben in Stille und Einsamkeit dem Schöpfer näherzukommen. Diese kleinen, tapferen Klostergemeinschaften waren beliebt beim Volk. Man bewunderte die frommen Brüder und Schwestern, die so unverzagt der wilden Natur ihren Lebensunterhalt abtrotzten."
Die Priorei stammt aus dem 11. Jahrhundert. Sie war ursprünglich ein Frauenkloster und wurde von einer Priorin geleitet, auch magistra genannt. Aber da das Überleben in der Wildnis die Kräfte der Frauen oft überstieg, besonders das Freilegen von neuen Ackerflächen, das Baumfällen und Ausgraben hartnäckiger Wurzeln, wurde verfügt, dass auch Mönche dort wohnen durften, obwohl in getrennten Unterkünften. So war eine eigentümliche, gemischte Klostergemeinschaft entstanden, die von der Welt abgeschieden und völlig auf sich gestellt ihr Dasein fristete.

Auch
heute noch liegt es an einem sehr einsamen Ort. Wie man sieht, ein
gedrungener romanischer Bau, der auf einem Felsen ruht, der hoch über
dem dahinter liegenden Tal thront.

Dies ist die Galerie, auf der Ermengarda nach ihren Gefährten Ausschau hält. Sie ist viel niedriger, als es auf dem Foto erscheint, und die marmornen Säulenkapitelle enthalten Darstellungen von Greifen und anderen Fabelwesen.

Die Stadt der "Comtessa" Ermengarda
Die gotische Kathedrale Saint Juste aus dem 13. Jh.
Im Roman „Die Comtessa“ spielt Narbona, wie die Stadt auf Okzitanisch (Provenzalisch) genannt wird, eine bedeutende Rolle. Wenn Ermengardas Stadt heute auch ein verschlafenes Provinzstädtchen von 50.000 Einwohnern im Südosten Frankreichs ist, so war sie im 12. Jahrhundert ein reiches Handelszentrum, das im westlichen Mittelmeer mit Marseille, Genua und Pisa konkurrierte und der vizegräflichen Herrscherfamilie viel Geld in Zolleinnahmen bescherte.
Allein die neue Straße in die Corbières, die Ermengarda im Laufe ihrer Herrschaft bauen ließ (siehe Karte), soll ihr, wie aus alten Quellen zu erfahren ist, an die 300.000 bis 400.000 solidi (Goldmünze) pro Jahr eingebracht haben. Kein Wunder, dass der Graf von Toulouse darauf erpicht war, sich dieses Kleinod von Stadt einzuverleiben, gelte was es wolle.

Narbonne und Umgebung zur Zeit Ermengardas (12. Jh.)
Dort wo heute nur noch der kleine Canal de la Robine daran erinnert, floss die Aude einst durch den Ort bis in die weite Meeresbucht (heute eine Lagune). Leider versandete der Fluss zunehmend und suchte sich schließlich im vierzehnten Jahrhundert ein neues Bett weiter nördlich, was zum wirtschaftlichen Niedergang führte.
Schon 118 v. Chr. von den Römern als Colonia Narbo Martius gegründet entstand an dieser Stelle aufgrund der strategischen Lage schon früh ein militärisches, administratives und Handelszentrum. Am Meer gelegen und so für die Seeschifffahrt zugänglich eröffnete das Tal der Aude den Zugang ins Landesinnere bis nach Toulouse und Bordeaux. Hier kreuzte auch die Via Domitia den Fluss auf ihrem Weg von Italien nach Spanien. Die mächtige römische Brücke, ehemals von sieben Bögen getragen, steht zum Teil noch heute mitten in der Stadt, überquert den Kanal und trägt noch wie im Mittelalter zu beiden Seiten Häuser und Geschäfte.
Zinn von den britischen Inseln zur Bronzeherstellung erreichte hier das Mittelmeer, und Olivenöl und besonders der Wein aus dem Umland Narbonas waren im alten Rom sehr beliebt. Über Jahrhunderte war Narbona das Quartier der siebten Legion. Nach ihr und den Veteranen, die bevorzugt in der Gegend siedelten, soll die Region einst Septimania geheißen haben. Es gab ein Capitol und Forum, kühle, unterirdische Lagerhallen für Gemüse und Getreide, Ländereien und Villen reicher Römer im Umland und ein Amphitheater, das heute völlig verschwunden ist, wie so viele römische Anlagen, die in späteren Jahrhunderten einfach als billige Steinbrüche missbraucht wurden. Die Stadt wurde dann von den Westgoten erobert, war kurze Zeit in der Hand der Mauren und wurde schließlich dem fränkischen Reich als „Gotische Mark“ (Gothia) einverleibt.
La Ciutat auf dem Nordufer stellt den ursprünglichen römischen Stadtkern dar. Um das Kloster und die Basilika Sant Paul auf der Südseite entstand später die Zwillingsstadt lo Borc, beide von einer mächtigen Stadtmauer umgeben, deren Türme von den wehrhaften Familien des Stadtadels gehalten wurden, die für die Verteidigung zuständig waren. Das auf der Karte eingezeichnete la Posterula (wörtlich Hintertürchen) war wohl als heimliches Ausfalltor bei Belagerungen gedacht. Es spielt eine wichtige Rolle im Roman.

Narbonne zur Zeit Ermengardas
Im Mittelalter, nicht zuletzt dank der großen jüdischen Gemeinde, es gab eine große Synagoge und Schule für Rabbiner, war Narbona ein bedeutendes Handwerkszentrum, das Rohstoffe aus dem Landesinneren verarbeitete und die Produkte in großem Stil ausführte. Das Stadtviertel La Morguia war nach den vielen Ölmühlen benannt, die hier ihren Standort hatten. Vor allem Schafswolle von den kargen Höhen der Corbières wurde verwebt und in den vielen Walkmühlen am Fluss zum Export verarbeitet. Nach dem ersten Kreuzzug erreichten auch kostbare Waren aus Outremer wie Seide und Gewürze die Stadt, von wo aus sie weiter ins Frankenreich gelangten.
Der Erzbischof, der neben den Vizegrafen von Narbona wie ein Fürst über einen Teil der Stadt herrschte, besaß das Zollrecht auf sämtliche Waren, die per Schiff die Stadt erreichten. Dies wird noch heute durch einen riesigen eisernen Anker belegt, der an der Mauer des erzbischöflichen Palastes hängt.
Seit der Zeit Karls des Großen herrschte Ermengardas Familie über Narbona. Eifersüchteleien und Machtkämpfe mit den mächtigen Erzbischöfen waren allerdings an der Tagesordnung, besonders da Letztere oft mit Toulouse verbündet waren, um sich nicht von den Vizegrafen vereinnahmen zu lassen.
Der Marktplatz, einst la Caularia genannt, wo Ermengarda im Roman ihre große Rede hält, existiert bis heute. Man kann dort noch ein Stück der alten Via Domitia bewundern. Der Palast der Vizegrafen samt Maurenturm ist leider verschwunden und auch der Palast des Erzbischofs und die schöne Kathedrale stammen aus dem 13. Jahrhundert, denn die romanische Vorgängerkirche ist leider abgebrannt und nur ein Glockenturm hat überlebt. Er wurde in die heutige gotische Kirche integriert.