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HistorischesNeben einer guten Geschichte wünscht sich der Leser von historischen Romanen, dass die Fakten stimmen. Das verlangt nach akribischer Recherche. Oft ist man überrascht, wie wenig Wirk- lichkeit mit althergebrachter Vorstellung übereinstimmt, denn das Mittelalter war nicht so dunkel, wie gern behauptet wird. Vieles, das uns heute selbstverständlich ist, hat seinen Ursprung in diesem faszinierenden Zeitalter. Hier eine kleine Auswahl an Interessantem und Kuriosem.




Das Zerrbild der Frau im Mittelalter

Eine Rezensentin in ihrer Beurteilung wunderte sich kürzlich, dass ich in meinem Roman so viele starke Frauen untergebracht habe. In der Tat spielen weibliche Figuren eine wichtige Rolle in meinen Geschichten. Alles keine Mauerblümchen, sondern tatkräftige Frauen mit klaren Vorstellungen über das Leben und die sich nicht scheuen, ihren Kerlen die Grenzen aufzuzeigen.

Beatrice d'Eeste - Leonardo da VinciIch freute mich natürlich über das Lob der Rezensentin, aber war doch selbst etwas verwundert. Können männliche Autoren etwa nur unterwürfige Heimchen am Herd erfinden? Aber nein, das wird sie nicht gemeint haben. Schon eher, dass der heutige Leser oft ein einseitiges Bild von Frauen jener Zeit hat. Es geistern Vorstellungen über das Mittelalter herum von hirnlos brutaler Gewalt der Männer, reihenweisen Vergewaltigungen, von unterwürfigen und rechtlosen Weibern, die nur reden durften, wenn man es ihnen erlaubte. Ich frage mich manchmal, woher solche Zerrbilder eigentlich stammen.

Natürlich wurden Frauen, ohne dass man sie nach ihrer Meinung gefragt hätte, verheiratet. Aber das Liebesglück suchte man in Ehen ohnehin nicht. Das waren Verbindungen und Pakte mächtiger Familien zur gegenseitigen Mehrung ihrer Macht. Genauso war es vorbestimmt, welcher Sohn den Titel erbte, welcher Soldat oder Mönch wurde. Man tat einfach seine Pflicht zum Wohle der familia. Und es ist wahr, dass Frauen nur selten in den Geschichtsbüchern auftauchen. Sie ritten nicht ihren Heeren voran, stellten keine Kirchenphilosophen, boten nicht dem Papst die Stirn. Aber waren sie deshalb macht- und rechtlos? Oder gar ohne Einfluss?

Keineswegs. Salerno war berühmt für seine Ärzte, darunter viele Frauen. Äbtissinnen machten Politik. Es gab weibliche Troubadoure. Frauen waren erbberechtigt, ihre Mitgift blieb unangetastet zu ihrer späteren Versorgung, sie herrschten über Burg und Land, wenn der Gemahl abwesend war. Ich persönlich vermute, dass sie dies sogar taten, wenn er daheim war, sich aber lieber um die Jagd oder andere Vergnügungen kümmerte, wie Bastarde zeugen.

Besonders Witwen mit minderjährigen Söhnen regierten den Besitz, kauften Land und Mühlen, förderten Klöster. Manche führten sogar Krieg, wenn es nötig war. Es gibt viele Urkunden und Niederschriften, die dies bezeugen. Es war auch nicht schändlich für Männer, einer solchen Frau zu dienen. Im Gegenteil, Edelfrauen wurden verehrt und hoch geachtet. Aber mehr noch als das muss der stille Einfluss kluger Frauen bewirkt haben. Ich würde zu gern wissen, wie viele große Entscheidungen von Männern erst nach langer Absprache mit ihrer Gemahlin oder Geliebten gefasst wurden. Oder welche Intrigen von mächtigen Frauen gesponnen wurden. Auch wenn die Männer sich rechtlich mehr herausnehmen durften und im Rampenlicht der Geschichte standen, waren ihre Frauen gewiss nicht zu unterschätzen.

Soldaten und Frauen, die ihnen folgen

„Ein Heer sammelt Anhang, wie ein Hund Flöhe, das war schon immer so“, sagt mein Erzähler im Bastard von Tolosa. Gemeint sind Profiteure, Diebe, Abenteurer aller Art, die sich den Heerhaufen der Kreuzritter anschließen. Aber vor allen Dingen Frauen, ganze Heerscharen von ihnen. Was hat sie dazu bewegt, den Soldaten in ihr gefährliches Abenteuer zu folgen?

Man findet es in allen Chroniken und Beschreibungen von Heerzügen, ob im Altertum, Mittelalter oder noch später. Ich lese gerade Steven Pressfields Roman über Alexander der Große in Afghanistan. Darin beschäftigt er sich unter anderem recht intensiv mit diesem Thema. Wer waren diese Frauen, fragt er sich. Manche gewiss Huren, andere, die sich in einen hübschen Kerl verguckt hatten, oder sie wurden verschleppt, wussten nicht wohin, wenn das durchziehende Heer ihr Dorf ausgeplündert und zerstört hatte. Seltsamerweise sind es oft gerade Frauen des Feindes, die sich dem Besatzungsheer anschließen.

Die GeburtDiese Frauen werden ausgenutzt, verrichten die niedrigsten Arbeiten. Aber mit der Zeit entsteht eine Art Schicksalsgemeinschaft zwischen ihnen und den Soldaten, die sie begleiten. Sie kochen ihnen das Essen, flicken ihre Kleider, pflegen ihre Wunden und kriegen ihre Kinder. Sie schleppen Proviant und Waffen auf dem Rücken, wenn Packtiere krepiert sind. Ohne sie könnte das Heer gar nicht funktionieren. Einer von Pressfields Männern drückt es so aus:

„Und was ist mit dem Heer von Dirnen und Kupplerinnen, die uns in allem Wetter begleiten? Sie sind unsere Schwestern geworden. Keines der Mädels zu Hause lacht so fröhlich wie sie oder genießt solch einfache Vergnügen wie ein Bad im Fluss, eine Balgerei im Schnee. Tausende von Kindern folgen jetzt dem Heer. Wer kümmert sich um diese von allen verachteten Frauenzimmer? Als Huren haben sie begonnen, aber nun sind sie Mütter und Schwestern geworden und Ehefrauen. Wie schrecklich muss es für sie sein, zu wissen, dass der Mann, den sie in diesem Land Gemahl nennen, sie eines Tages verstoßen wird, wenn er heimkehrt zu seiner wirklichen Gemahlin und deren Kinder, um dann nie mehr von jener Frau und ihren Blagen zu sprechen, mit der er so lange die höchsten Freuden und tiefsten Leiden seines Lebens geteilt hat.“

Solche Sätze geben zu denken.