Ulf Schiewe

Autor

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Das Zerrbild der Frau im Mittelalter


Eine Rezensentin in ihrer Beurteilung wunderte sich kürzlich, dass ich in meinem Roman so viele starke Frauen untergebracht habe. In der Tat spielen weibliche Figuren eine wichtige Rolle in meinen Geschichten. Alles keine Mauerblümchen, sondern tatkräftige Frauen mit klaren Vorstellungen über das Leben und die sich nicht scheuen, ihren Kerlen die Grenzen aufzuzeigen.

Ich freute mich natürlich über das Lob der Rezensentin, aber war doch selbst etwas verwundert. Können männliche Autoren etwa nur unterwürfige Heimchen am Herd erfinden? Aber nein, das wird sie nicht gemeint haben. Schon eher, dass der heutige Leser oft ein einseitiges Bild von Frauen jener Zeit hat. Es geistern Vorstellungen über das Mittelalter herum von hirnlos brutaler Gewalt der Männer, reihenweisen Vergewaltigungen, von unterwürfigen und rechtlosen Weibern, die nur reden durften, wenn man es ihnen erlaubte. Ich frage mich manchmal, woher solche Zerrbilder eigentlich stammen.

Natürlich wurden Frauen, ohne dass man sie nach ihrer Meinung gefragt hätte, verheiratet. Aber das Liebesglück suchte man in Ehen ohnehin nicht. Das waren Verbindungen und Pakte mächtiger Familien zur gegenseitigen Mehrung ihrer Macht. Genauso war es vorbestimmt, welcher Sohn den Titel erbte, welcher Soldat oder Mönch wurde. Man tat einfach seine Pflicht zum Wohle der familia. Und es ist wahr, dass Frauen nur selten in den Geschichtsbüchern auftauchen. Sie ritten nicht ihren Heeren voran, stellten keine Kirchenphilosophen, boten nicht dem Papst die Stirn. Aber waren sie deshalb macht- und rechtlos? Oder gar ohne Einfluss?
Keineswegs. Salerno war berühmt für seine Ärzte, darunter viele Frauen. Äbtissinnen machten Politik. Es gab weibliche Troubadoure. Frauen waren erbberechtigt, ihre Mitgift blieb unangetastet zu ihrer späteren Versorgung, sie herrschten über Burg und Land, wenn der Gemahl abwesend war. Ich persönlich vermute, dass sie dies sogar taten, wenn er daheim war, sich aber lieber um die Jagd oder andere Vergnügungen kümmerte, wie Bastarde zeugen.

Besonders Witwen mit minderjährigen Söhnen regierten den Besitz, kauften Land und Mühlen, förderten Klöster. Manche führten sogar Krieg, wenn es nötig war. Es gibt viele Urkunden und Niederschriften, die dies bezeugen. Es war auch nicht schändlich für Männer, einer solchen Frau zu dienen. Im Gegenteil, Edelfrauen wurden verehrt und hoch geachtet. Aber mehr noch als das muss der stille Einfluss kluger Frauen bewirkt haben. Ich würde zu gern wissen, wie viele große Entscheidungen von Männern erst nach langer Absprache mit ihrer Gemahlin oder Geliebten gefasst wurden. Oder welche Intrigen von mächtigen Frauen gesponnen wurden. Auch wenn die Männer sich rechtlich mehr herausnehmen durften und im Rampenlicht der Geschichte standen, waren ihre Frauen gewiss nicht zu unterschätzen.